Traumata und Sucht bei Menschen mit Migrationshintergrund Experten diskutieren beim 3. Forum Migration & Mental Health an der MEDICLIN Klinik am Vogelsang über die Zusammenhänge

Donaueschingen, 13. Juni 2019. Das Forum Migration & Mental Health an der MEDICLIN Klinik am Vogelsang in Donaueschingen hat am 5. Juni 2019 Interessierten aus Fachkreisen einen Einblick in das Thema „Trauma und Sucht bei Menschen mit Migrationshintergrund“ gegeben. Vorträge der Referentinnen Carmen Weller und Pia Wenzler sowie des Haupt-Referenten Professor Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan prägten neben lebendigen Fachdiskussionen in verschiedenen Workshops das Forum.

Chefarzt Dr. Björn Grossmann begrüßte die rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer und führte zugleich in das zentrale Thema des Forums ein. Psychische Belastungen, z.B. Kriegstraumata könnten auf die nächste Generation weitergegeben werden, bis hin zu drei Generationen. Zwischen traumatischen Ereignissen und Sucht bestehe ein enger Zusammenhang. Sucht ist demnach vor dem kulturellen Hintergrund zu betrachten. Die psychische Gesundheit sei eine Voraussetzung für Integration.

Einführung – Sucht und Suchtbehandlung

Oberärztin Carmen Weller führte in das Thema Sucht und Abhängigkeit ein. Sie erklärte, auf welcher Grundlage insbesondere die Alkoholabhängigkeit als Krankheit definiert ist und dass höchstrichterliche Urteile zu deren Anerkennung notwendig waren. Dennoch seien die stofflichen Abhängigkeiten weiterhin unzureichend erkannt und therapiert. Nur 3 bis 4 Prozent aller Alkoholabhängigen lassen sich in einer Reha behandeln: Das Suchthilfesystem erreicht nur wenige. Verhältnispräventive Maßnahmen, wie etwa konsequente Werbeverbote oder eine deutliche Erhöhung der Alkohol- und Zigarettensteuer bleiben aus. Andere Formen der Sucht, insbesondere Internetspiel- und Handysucht werden laut Weller erst nach und nach in ihrer Bedeutung als Krankheiten anerkannt. Fazit ist, dass es vielfältige Maßnahmen gibt, die jedoch nur selten die Betroffenen erreichen.

Sucht und Migration

Sozialpädagogin Pia Wenzler von der Fachstelle Sucht erläuterte, dass Migration schon immer zum Menschsein dazugehört. Sie betonte in ihrem Vortrag wie wichtig es sei, den Einzelfall zu berücksichtigen und individuell darauf einzugehen. „Suchtmittelkonsum findet immer in gesellschaftlichen Kontexten statt und ist kulturbedingt“, so Wenzler. Die Sucht entstehe aus dem Zusammenwirken von Drogen, Persönlichkeit und Umwelt – eingebettet in migrations- und kulturspezifischen Einflüssen.

Flucht, Trauma und Sucht

Referent Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan zeigte auf, dass Krieg, Verfolgung, Folter und Flucht in Krisenregionen, aber auch eine mitunter unsichere Zukunft in Europa Traumata auslösen oder vorhandene Traumata verstärken können und somit die Flüchtlinge zu Medikamenten, Alkohol oder anderen Drogen greifen lassen. „Menschen kämpfen ums Überleben – Realitäten, die wir uns manchmal nicht vorstellen können“, so Kizilhan.

„Ein hohes Risiko tragen vor allem Menschen, die bereits in ihrer frühen Kindheit wiederholt und massiv körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt oder beobachtet haben.“ Stark gefährdet seien zudem Menschen, die einer erheblichen Kriegsgewalt ausgesetzt waren. Menschen, die im Krieg aufwachsen, haben ein anderes Verständnis für Gewalt. Etwa ein Drittel der Traumatisierten entwickelt eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), bei den Geflüchteten dürfte die Zahl deutlich höher sein. Trauma ist ein Angriff auf das Gedächtnis, Ängste stehen im Vordergrund – das Furchtzentrum ist stark aktiv. Die Betroffenen leiden unter Albträumen und Flashbacks. Sie vermeiden Situationen, die an das Trauma erinnern, sind übererregt und ängstlich. Wer das nicht aushält, ist leicht durch ein Suchtmittel zu verführen.

Integrierte therapeutische und geschlechtsspezifische Ansätze sind bei der Behandlung von traumatisierten Flüchtlingen mit einer Suchterkrankung notwendig. Kizilhan appellierte an die Fachleute: „Erklären Sie den Menschen, dass sie es verstehen und wiederholen Sie dies immer wieder. Das ist die Grundvoraussetzung für einen günstigen Behandlungsverlauf.“ Durch ihre Arbeit entstehe eine neue Integrität und das brauche Zeit. Je älter und je schwerer traumatisiert die Menschen sind, desto schwieriger sei es, für sie einen günstigen Behandlungsverlauf anzunehmen.

Im Rahmen des nachmittäglichen Workshops wurden Situationen beleuchtet, in denen ein Suchtproblem vermutet wird. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer übten das Problem zu erkennen und anzusprechen und lernten, welche Möglichkeiten zur Unterstützung und Hilfe es gibt und wie man sie finden kann. Die Workshops und das anschließende Plenum bot den Teilnehmerinnen und Teilnehmern viel Gesprächs- und Diskussionsbedarf in diesem hochaktuellen Themenbereich des Forums.

Kontakt

Sie haben noch Fragen an die MediClin Klinik am Vogelsang oder benötigen weitere Informationen? Rufen Sie mich werktags zwischen 7:30 und 16:30 an oder schreiben Sie mir eine E-Mail.

Mona Kizilhan
Verwaltungsleitung Transkulturelle Psychosomatik

07 71 - 85 16 13
mona.kizilhan@mediclin.de

Ihr Anliegen